| [Wien / 7.Februar 2012 bis 25.Februar 2012] Am 7. Februar fand die Premiere zu Klabunds dramatischer Komödie „XYZ“ im Theater Experiment statt.
Klabund, eigentlich Alfred Henschke, litt seit seiner Jugend an den Folgen einer Tuberkulose. Nach seinen naturwissenschaftlichen Studien studierte er Philosophie, Philologie und Theaterwissenschaften in München. Mit diesem Werk wollte er aufzeigen, dass Liebesbeziehungen, auch wenn sie noch so turbulent sein können, über die Grenzen der Standesunterschiede hinaus akzeptiert werden können. Angelehnt am literarischen Vorbild mit Till Eulenspiegel-Elementen, die Klabund bei Hans Sachs fand, gibt es ein ständiges Wechselspiel zwischen Lug und Trug, Narrheit und Weisheit. Klabund selbst zeichnete sich durch Bescheidenheit aus und war anderen gegenüber immer zuvorkommend und höflich im Gespräch. Dies widerspiegelt sich in der Darbietung des Stücks.
Das Lustspiel, eine gelungene Mischung aus Sitcom und Kabarett, wurde erfolgreich inszeniert von Peter W. Hochegger. Es spielt in den 1920igern und macht auch Anspielungen in bezug auf unsere heutige Gesellschaft. Es geht um die Entwicklung einer Liebe zwischen der Gräfin Henriette von Y und dem vermeintlichen Grafen Z.
Als Henriettes Eltern nach Wien reisen und Henriette alleine im Haus mit ihrem älteren Diener Tom verweilt, kommt ein Vertreter von Seidenbekleidung zu ihr. Er verliebt sich auf den ersten Blick in Henriette, und gibt sich als der berühmte Graf Z zu erkennen. Die junge Gräfin verliebt sich sofort in ihn und sie verloben sich heimlich in der Stadt. Bei ihrem neuen Diener, der tatsächlich Seidenwäsche trägt und sich standesgemäß nicht wirklich wie ein Diener benimmt, stellt sich heraus, dass er der eigentliche Graf Z ist, und Henriettes Ehemann der zur Fahndung ausgeschriebene Hochstapler aus Sopron ist.
Um einen gesellschaftlichen Skandal zu vermeiden, tauschen die Männer die Rollen in die „richtige“ Rangordnung: der Hochstapler wird zum Diener, der Diener verwandelt sich in den echten Graf Z und somit zum „richtigen“ Ehemann von Henriette. Henriette, vorerst enttäuscht, wechselt zum echten Graf Z und fährt mit diesem auf Hochzeitsreise. Allerdings langweilt sie sich mit ihm und sie gesteht, dass sie noch immer ihren „alten“ Ehemann, den Betrüger, liebt. Nachdem Graf Z und der Betrüger „Bruderschaft“ trinken, tauschen sie wieder ihre Rollen und erkennen, dass die Liebe nicht durch Standesunterschiede aufgehalten werden kann oder soll.
Der ältere Diener Tom wird von Walter Benn einfach souverän wie ein typischer „Dinner for One“ Butler gespielt. Stefanie Elias stellt die Rolle der Henriette großartig dar: sie ist eine junge Frau. Ihr Titel „Comtesse“, wie sie weniger mit Ehrfurcht als eher mit väterlicher Liebe und Fürsorge von Tom genannt wird, zeigt von ihrer adeligen Zugehörigkeit. Sie ist zwar etwas verwöhnt, aber ihren Mitmenschen begegnet sie immer mit Höflichkeit, und sieht auch, wenn es um die wahre Liebe geht, über gesellschaftliche Rangordnungen hinweg.
Andreas Hajdusic schlüpft mit hervorragender Überzeugungskraft in die verschiedenen Rollen des Seidenstoffvertreters, des vermeintlichen Grafen Z und anschließenden Ehemann von Henriette, um nach seiner Enttarnung in einen Diener und danach als wiedergeborener Ehemann von Henriette sich zurück zu verwandeln. „Ich wollte jemand anderer werden. Wenn man den Namen eines anderen hat, wird man zu einem anderen.“ Es geht demnach weniger um die „Stände“ als um die Liebe zu einer Frau und was „Mann“ alles tut, nur um diese Liebe erfüllen zu können.
Peter Fernbach spielt vorerst die Rolle des Dieners, welcher für das Publikum sehr überzeugend erscheint. Allerdings, durch die einmaligen Standeskenntnisse Henriettes wird er auch schnell als eigentlicher Edelmann entlarvt. Seine Verwandlung in den „neuen“ Ehemann von Henriette und die nachfolgende Rückverwandlung in die Dienerrolle wird der Intention Klabunds gerecht: die Fähigkeit, sich zu verwandeln und unterschiedliche Stile pflegen zu können.
Nicht zuletzt ist besonders die Regie von Peter W. Hochegger (Regisseur der Comedy Hirten und seit 2001 Regisseur der Sommerspiele Floridsdorf) und sein Team zu erwähnen. Mit nur 4 Schauspielern hat das Stück einen Charme auf der Bühne entwickelt, der bis in die hinteren Reihen des Theaters zu spüren war. Die heftigen und witzigen Wortspiele, gekoppelt mit leichtem Unterton der stereotypen Bemerkungen zwischen den Geschlechtern, und kombiniert mit der Eleganz und Natürlichkeit der Schauspieler, haben das Publikum in eine Zeitreise der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts geführt. Gekoppelt mit den mehr als nur zeitgetreuen Kostümen von Babsi Langbein (die auch von mehreren Personen im Publikum bewundert wurden), der Bühnen- und Lichtgestaltung von Erwin Bail und der Assistenz und Technik von Elisabeth Chiba ist diese Inszenierung ein Kunstwerk und eine der Besten die ich im Theater Experiment erlebt habe. Diese Aufführung kann nur jedem wärmstens empfohlen werden, der einen unterhaltsamen und erlebnisreichen Abend im zweit-ältesten Theater Wiens verbringen möchte!
ALLE FOTOS : CMB
Gespielt wird von 7.2.2012 (Premiere) bis 25.02.2012, jeweils Dienstag bis Samstag
um 20 Uhr.
Kassa an Spieltagen ab 18 Uhr.
Anfragen unter:
0664/908 23 63 (Erwin Bail),
0676/540 26 31 (Fritz Holy)
Theater Experiment, Liechtensteinstrasse 132, 1090 Wien (www.theater-experiment.com) |